Leserbrief zum Artikel „Imker sehen Wild- und Honigbienen in Gefahr“ vom 17.2.2021

Wieviel Gifte denn noch?

Im Maifeld, in der Grafschaft, in Rheinhessen und der in Pfalz dürfen Rübenbauer seit dem 1.Januar bis 30. April Zuckerrübensaat verwenden, die mit dem Insektengift Cruiser 600 FS mit dem genannten Wirkstoff Thiamethoxam gegen Blattläuse gebeizt ist. Dieses Mittel ist in der EU verboten, war es zunächst auch vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, aus gutem Grund. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat mit der Notfallzulassung deren Einsatz in den genannten Gebieten erlaubt. Wie giftig dieses Mittel Cruiser 600 FS ist, geht aus der Anweisung des BVL vom 22.12.2020 hervor (nachzulesen unter: www.artenschutz-rlp.de). Die Bauern müssen u.a. beim Ausbringen komplette Schutzanzüge plus Gummischürzen tragen. Nach der Reinigung der Behälter für das gebeizte Saatgut dürfen die Reste sowie Spülflüssigkeiten nicht in „Gewässer, Kanalisation, Hof- und Straßenabläufe, sowie Regen- und Abwasserkanäle“ gelangen. (Ja, wohin dann?)

Wie giftig muß das Mittel erst für kleine Honig- und Wildbienen, für Vögel und sogar die Fruchtbarkeit bríngenden Bodenlebewesen sein, für mehrere Jahre?

Geht es bei der Notfallzulassung um die Bauern oder um die Zuckerindustrie? Ich habe noch die Berichte der Bauern im letzten Herbst im Ohr, wonach die Rübenernte überraschend gut und der Zuckergehalt der Rüben überdurchschnittlich war. Bedenkt man, dass die zur Zeit schwächelnde Zuckerindustrie (Südzucker AG, Nordzucker AG und Pfeifer und Langen AG) allesamt aktiennotierte Unternehmen sind, dann kommt man echt ins Grübeln. Sie müssen Gewinne erwirtschaften, auch, um die Renditeerwartungen der Aktionäre zu befriedigen, die nichts mit Bauern und ihrem Land „am Hut haben“ (müssen). Gleiches gilt übrigens für die Chemie-Giganten, die diese und andere Pflanzengifte produzieren.

Bauern müssen vom Ertrag ihrer Arbeit gut leben können. Ich stehe an ihrer Seite gegen Preisdumping, den Preisdruck der Lebensmitteldiscounter, den Landverlust der Kleinbauern-Höfe zugunsten der Groß-Agrarbetriebe, die Sackgasse der GAP- Förderpolitik der EU. Ich beschwöre aber die Rüben-Bauern überall dort, wo Cruiser 600 FS jetzt eingesetzt werden darf, es nicht zu tun. Selbst, wenn alle Vorsichtsmaßnahmen erfüllt werden, bleiben die Gifte längere Zeit im Boden, werden die natürlichen Fressfeinde der Blattläuse wie Marienkäfer, Flor- und Schwebfliegen, Raubwanzen, Ohrwürmer getötet. Es läßt sich nicht vermeiden, dass Giftpartikel in die angrenzenden Bereiche gelangen und wer mag 2 Jahre lang in den betroffenen Äckern alle blühenden Beikräuter herauszupfen, damit sie Bienen und Hummeln nicht zur tödlichen Nahrung werden? Wir leiden genug unter dem Verlust der wichtigen Insekten und unter schädlichen Chemikalien im Boden. Liebe Bauern, verwenden Sie nicht die mit Cruiser 600 FS gebeizten Rübensamen, tun Sie es nicht, für Ihre eigene Zukunft und die Ihrer Nachkommen!

Anita Schubert, Bornich